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Volkstrauertag 2021

Les commémorations du Volkstrauertag au cimetière militaire allemand de Borj Cédria

Volkstrauertag 2021, © Deutsche Botschaft Tunis - Ambassade d'Allemagne à Tunis

15.11.2021 - Artikel

Anlässlich des Volkstrauertages am 14. November lud die deutsche Botschaft Tunis zu einer Gedenkzeremonie für alle Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Borj Cedria ein.

Anlässlich des Volkstrauertages am 14. November lud die deutsche Botschaft Tunis zu einer Gedenkzeremonie für alle Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Borj Cedria ein.

Botschafter und Militärattachés der internationalen Gemeinschaft, aber auch deutsche und internationale Gäste waren zahlreich vertreten. Eine besondere Geste war die Teilnahme von einer Ehrenformation der tunesischen Streitkräfte.

Unser Dank gilt all denen, die an dieser feierlichen Zeremonie teilgenommen haben und ebenso den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in den zwei Wochen vor der Zeremonie umfassende Renovierungsarbeiten an der Gedenkstätte durchgeführt haben, sodass diese nun in neuem Glanz erstrahlt.

Les commémorations du Volkstrauertag au cimetière militaire allemand de Borj Cédria
Volkstrauertag 2021© Deutsche Botschaft Tunis - Ambassade d'Allemagne à Tunis


Rede des Deutschen Botschafters, Peter Prügel, zum Volkstrauertag:

Les commémorations du Volkstrauertag au cimetière militaire allemand de Borj Cédria
Volkstrauertag 2021© Deutsche Botschaft Tunis - Ambassade d'Allemagne à Tunis

Exzellenzen,

Sehr geehrte Vertreter der tunesischen Regierung und der Streitkräfte,

Sehr geehrte Verteidigungsattachés,

Liebe Landsleute,

Meine Damen und Herren,

Ich heiße Sie zu unserem Volkstrauertag hier in der Gedenkstätte Borj Cedria willkommen und danke Ihnen allen, dass Sie an diesem Sonntagmorgen an dieser Gedenkfeier teilnehmen. Dass wir hier sind, um gemeinsam zu gedenken - wie neulich, am 11. November, auf dem französischen und dem amerikanischen Friedhof - ist ein starkes Zeichen der Freundschaft, Solidarität und Brüderlichkeit, die uns in der Erinnerung, in der Trauer und in der Entschlossenheit « Nie wieder! » eint. Dass dies nicht immer der Fall war, zeigt dieser historische Ort, an dem mehr als 8.500 Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die meisten von ihnen Deutsche, begraben sind.

Der Ursprung des deutschen Volkstrauertages geht jedoch auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Damals, vor mehr als hundert Jahren, wurde auf den Trümmern dieser großen Katastrophe der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet, mit dem Ziel, diese Gräber auf fremdem Boden zu pflegen und dafür zu sorgen, dass diese Toten nicht vergessen werden. Die Trauer im deutschen Volk war damals (wie in allen Ihren Ländern) riesengroß: Fast jede Familie hatte in diesen vier Jahren mörderischer Kämpfe einen Vater, Bruder, Ehemann oder Sohn verloren. Die Idee und die allerersten Initiativen, diese Trauer in Reflexion, in Lehren aus der Geschichte und in Versöhnung umzuwandeln, stammen aus diesen Tagen.

Die Lehren und das Leid reichten nicht aus, um die noch größere Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zu verhindern, die das Naziregime über nahezu die ganze Welt gebracht hat. Eben dieser « Volkstrauertag » wurde in « Heldengedenktag » umbenannt und damit von der nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda in eine Verherrlichung des Krieges verwandelt.

Erst 1950, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde der « Volkstrauertag » in Deutschland wiedereingeführt. Sein Sinn und Zweck war jedoch nicht mehr derselbe:

Gewiss - es gab eine weitere Generation junger Männer, die auf den Schlachtfeldern fast aller Länder geopfert wurden. Doch dieses Mal hatte der Krieg auch die Zivilbevölkerung, alte Menschen, Frauen und Kinder, in Mitleidenschaft gezogen. Und dann war da noch die Shoah, der Völkermord an mehr als 6 Millionen europäischen Juden, begangen von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes, sowie die Verfolgung so vieler anderer, die nicht in das nationalsozialistische Ideal der rassischen Vorherrschaft passten oder sich ihm widersetzten.

Deshalb wird am heutigen « Volkstrauertag » nicht nur der Gefallenen der beiden großen Kriege des letzten Jahrhunderts gedacht. Wir verneigen uns vor dem Leid und den Verlusten aller Opfer von Krieg, Tyrannei und Terror. Wir schließen all diejenigen ein, die bis heute Opfer von Terrorismus, Gewalt, Diskriminierung, Hass oder Intoleranz geworden sind. Und wir verneigen uns vor unsereren Militär- und Sicherheitskräften, die im Zuge unseres Engagements - zusammen mit Partnern - bei multilateralen Friedensmissionen (wie in Afghanistan und Mali) und bei der Verteidigung unserer gemeinsamen Werte, der Freiheit und der offenen, demokratischen Gesellschaften, getötet wurden.

* * * * *

Die Hauptzeremonie dieses « Volkstrauertages » findet im Deutschen Bundestag statt. Am zentralen Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin-Mitte, vor der Ewigen Flamme und der berühmten Skulptur der « Mutter mit dem toten Sohn » von Käthe Kollwitz, wird heute vom Bundespräsidenten ein Kranz niedergelegt. Lassen Sie mich an das Leben dieser Künstlerin und ihr Werk erinnern, das die Bedeutung dieses Trauertages am besten repräsentiert und symbolisiert:

Die in Königsberg (dem heutigen Kaliningrad in Russland) geborene Käthe Kollwitz widmete ihr Leben und ihr künstlerisches Schaffen Zeit ihres Lebens dem Leid der Armen und Benachteiligten.

1914, zu Beginn des Krieges, wollte ihr jüngster Sohn Peter zum Militär gehen, aber da er noch zu jung war, brauchte er die Zustimmung seiner Eltern. Sein Vater weigerte sich, aber Käthe war der Meinung, dass sie ihrem Sohn diese Erfahrung nicht vorenthalten dürfe, und unterschrieb die Erlaubnis. Peter fiel im selben Jahr an der Front in Flandern.

Der Tod ihres Sohnes und der Erste Weltkrieg waren ein Wendepunkt im Leben von Käthe Kollwitz. Als die Regierung 1918 zur Mobilisierung aller jungen Männer aufrief, richtete sie den berühmten öffentlichen Appell: « Genug der Toten. Niemand darf mehr fallen », in Anlehnung an ein Goethe-Zitat: « Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden », ein Schlüsselsatz in ihrem Kampf gegen den Krieg.

Nachdem Käthe Kollwitz in der Weimarer Republik als erstes weibliches Mitglied in die Preußische Akademie der Künste gewählt worden war, wurde sie 1933 aus derselben Akademie ausgeschlossen, weil sie eine Petition gegen die Machtübernahme der Nationalsozialisten unterzeichnet hatte. Zu den Unterzeichnern dieser Petition gehörten auch Albert Einstein und Heinrich Mann.

1936 erhielt Käthe Kollwitz ein Ausstellungsverbot für ihre Werke, die als entartete Kunst eingestuft und aus allen Galerien entfernt wurden.

Im Jahr 1942 fiel ihr ältester Enkel an der russischen Front. Für ihn schuf sie ihre letzte berühmte Lithografie der Mutter, die ihre Kinder in den Armen hält, mit dem Titel «  Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden ».

Käthe Kollwitz hatte nicht das Privileg, das Ende der Tyrannei und des Krieges zu erleben, die das Naziregime Europa und nahezu der ganzen Welt auferlegte. Sie starb 1945, zwei Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Sie hatte nicht das Privileg, in dem Frieden und der Freiheit zu leben, die wir heute in einem vereinten und geeinten Europa genießen.

Doch ihre Kunst, inspiriert von den Erfahrungen zweier Kriege und dem Terror des Naziregimes, hat nichts von ihrer Bedeutung verloren und erinnert uns an das Wesentliche dieses Trauer- und Gedenktages:

  • dass wir niemals die Lehren aus unserer Geschichte und die damit verbundene Verantwortung vergessen: Die Schrecken des Krieges und der Shoah dürfen sich niemals wiederholen
  • dass wir uns weiterhin für den Schutz und die Förderung des Friedens in der Welt, für die Verteidigung unserer Freiheit und Demokratie, für die Achtung der Toleranz und die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen einsetzen.

Es ist unsere Verpflichtung und unser Engagement für die Opfer von Krieg und allen Formen von Gewalt, Intoleranz und Tyrannei, derer wir heute gedenken.

* * * * *

Gestatten Sie mir abschließend, Exzellenzen, meine Damen und Herren, einige Worte des Dankes zu sagen:

Zuallererst dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der diesen großartigen Ort des Gedenkens geschaffen hat und pflegt. Herr Nizar Bouraoui, ich danke Ihnen und Ihren Kollegen für Ihr Engagement bei der kontinuierlichen Pflege dieser Stätte. Ich möchte mich auch bei Leutnant Patrick Hoffarth und seinen Kameraden bedanken, die in den letzten zwei Wochen aus Deutschland angereist sind, um diesen Standort zu pflegen und zu renovieren. Herzlichen Dank für Ihr Engagement und Ihren Enthusiasmus!

Mein aufrichtiger Dank gilt schließlich den tunesischen Streitkräften für ihre hervorragende Unterstützung. Dank Ihrer Anwesenheit und Ihrer Unterstützung findet die heutige Zeremonie in der Würde statt, die sie verdient.

Les commémorations du Volkstrauertag au cimetière militaire allemand de Borj Cédria
Volkstrauertag 2021© Deutsche Botschaft Tunis - Ambassade d'Allemagne à Tunis

Damit ist unsere offizielle Zeremonie beendet. Ich danke Ihnen allen, Exzellenzen, Kolleginnen und Kollegen, Militärattachés, meine Damen und Herren, dass Sie heute Morgen zu uns gekommen sind. Ich lade Sie nun ein, einen individuellen Rundgang über das Gelände zu machen und anschließend unten am Ausgang des Friedhofs einen kleinen Imbiss und eine Erfrischung zu sich zu nehmen, wenn Sie möchten.


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